6.5., Expo fällt aus wegen Regen

Auch heute wache ich nicht ganz so früh auf wie es für einen ausgiebigen Expo-Besuch gut wäre. Aber als ich höre, dass es draußen in Strömen regnet, bleibe ich bis 10:30 liegen; bei Regen habe ich keine Lust, zur Expo zu fahren. Ich wusste eigentlich schon, dass es regnen würde; die Wettervorhersage für den nächsten Tag funktioniert hier anscheinend recht präzise.

Als ich in die Küche komme, um zu frühstücken, sitzt Katsuaki san auf dem Boden, liest die Zeitung und schaut dabei gleichzeitig Nachrichten im Fernsehen. Das Zugunglück von Ende April nimmt in den Nachrichten immer noch großen Raum ein. Verzweifelt versuche ich, etwas von den Nachrichten verstehen, aber außer ein paar Bruchstücken kommt nichts rüber. Was nützt es mir, wenn ich jetzt im Passiv sagen kann, dass dieses Bild von Picasso gemalt wurde, wenn ich nicht einmal die Nachrichten verstehe? Ach, Kopf hoch, wie lange habe ich doch gleich gebraucht, um fließend Englisch zu verstehen? Jedenfalls länger als drei Jahre. Positiv betrachtet, verstehe ich durchaus schon etliche Wörter in den Nachrichten, nur halt selten ganze Sätze oder gar die Zusammenhänge. Was ich hier sehe, scheint keine normale Nachrichtensendung zu sein, sondern es geht sehr lange und ausführlich um das Zugunglück. Anscheinend ereifern sich die Japaner darüber, dass irgendein wichtiger Mensch von JR (Japan Rail, das japanische Äquivalent zur Deutschen Bahn) gerade bei einem Bowling-Turnier war, als das Zugunglück passierte, und dass er stundenlang nicht an sein Handy gegangen ist, sondern weiter gespielt hat. (Es kann natürlich auch sein, dass ich das alles komplett missverstanden habe und es um ... was weiß ich ... ein parallel zum Zugunglück stattfindendes Bowling-Wohltätigkeitsturnier ging.) Die Geschichte erinnert mich irgendwie an die Bilder des Herrn US-Präsidenten, wie er da am 11. September im Kindergarten sitzt und nicht recht weiß, was er machen soll, als ihm die Nachricht vom Anschlag auf das World Trade Center überbracht wird. Aber was soll der bowlende JR-Manager auch machen, wenn es ein Zugunglück gibt?

Ganz unabhängig vom Inhalt des japanischen Fernsehprogramms fällt mir eines auf: Egal, ob Nachrichten- oder Quiz-Sendung, sie arbeiten ganz viel mit Papptafeln und Modellen, nicht wie im deutschen oder amerikanischen Fernsehen mit Computergrafiken. Wenn es also irgendwelche Daten zu präsentieren gibt, dann zieht der Nachrichtensprecher eigenhändig eine Papptafel mit einem Tortendiagramm hervor und hält sie vor die Kamera. Auch Tafeln mit Text sieht man viel, teilweise mit vorbereiteten Aufklebern, die der Sprecher dann zu gegebener Zeit abzieht, um etwas Verborgenes aufzudecken. Und in der Sendung über das Zugunglück steht im Studio ein etwa einen halben Meter hohes Modell eines Eisenbahnwaggons, an dem der Moderator herumwackelt, wohl um zu demonstrieren, wie ein Zug entgleisen kann. So ein Modell lass ich mir ja noch gefallen, aber das mit den Texttafeln wundert mich im High-Tech-Land Japan dann doch sehr, zumal das wirklich live zu passieren scheint und der Kameramann immer erst noch scharfstellen muss. Ob sie das wohl schöner finden so, die Japaner, vielleicht, weil es mehr Nähe zum Publikum schafft? Immerhin kommen die Grafiken zum Wetterbericht vollständig aus dem Computer.

Nach einer halben Stunde Fernsehen fragt mich Katsuaki san, ob ich eigentlich etwas verstehe. Nein, leider kaum, immer nur hier und da ein Wort. Aber ich betrachte das als Übung, denke mir, wenn ich ein paar Jahre fernsehe, werde ich es eines Tages schon verstehen (den Teil kann ich leider noch nicht auf Japanisch sagen). Man kann bei den Nachrichten übrigens auch lesen üben, denn oft wird das Gesagte zusätzlich als Untertitel eingeblendet. Ich verstehe allerdings nicht so richtig, warum. Ob es wohl auch den Japanern das Verständnis erleichert, wenn sie den Text zusätzlich mitlesen können? Mir hilft es natürlich nicht wirklich, weil ich ja die meisten Kanji noch nicht lesen kann.

Es regnet den ganzen Tag lang, und so bereue ich es nicht, die Expo ausgelassen zu haben. Mit Vokabeln Lernen, Tagebuch Schreiben und Fotos Bearbeiten lässt sich ein Regentag prima füllen, und morgen ist ja auch noch ein Tag.

Abendessen gibts heute schon um 7, weil Keiko san und Chihiro Freitags immer ihre Hip-Hop-Tanzstunde nehmen. Später, als sie wieder da sind, gehe ich mal mit meinem Notebook in die Küche und frage, ob jemand die Expo-Fotos von gestern sehen möchte. Katsuaki san schaut konzentriert einen Spielfilm, aber Keiko san schaut sich interessiert meine Fotos an.

Apropos Spielfilm: Wieder mal reibe ich mir überrascht die Augen, das ist tatsächlich HDTV. Oder Hi-Vision oder wie immer die Japaner das nennen. Jedenfalls eine Qualität, die deutlich über das normale Fernsehbild hinausgeht. Ich weiß nicht, welcher Film es ist, aber er läuft auf Amerikanisch mit japanischen Untertiteln. Wird das HDTV also mal für was Nützlicheres als für Baseball-Übertragungen eingesetzt ;-).

 

(Gästebuch außer Betrieb)     Inhaltsverzeichnis     weiter >


©2005 by Harald Bögeholz