13.5., Heimreise

[Der Abschied von Yamasa ist wie im letzten Jahr ein solcher Wirbel, dass an Tagebuchschreiben nicht mehr zu denken ist. Ich schreibe diese Zeilen erst am 3.7., daher sind die Erinnerungen schon deutlich verblasst.]

Das Aufstehen fällt erwartungsgemäß schwer, aber es muss ja sein – schlafen kann ich auch noch im Flugzeug. Nach dem Duschen finde ich in der Küche ein vorbereitetes Frühstück vor, aber keine Keiko san. Wahrscheinlich hat sie sich wieder hingelegt, das tut sie normalerweise, wenn Chihiro zur Schule aufgebrochen ist. Ein bisschen komisch kommt es mir allerdings schon vor, am letzten Tag alleine zu frühstücken. Aber na ja, ich habe mich mit meiner späten Rückkehr gestern Nacht ja nicht gerade rücksichtsvoll der Gastfamilie gegenüber verhalten; da kann ich auch nicht unbedingt einen super herzlichen Abschied erwarten.

Gegen 7 bin ich mit Frühstücken fertig. Jetzt muss ich aber doch nach Keiko san rufen und mir erklären lassen, wie ich zum Flughafen komme. Sie hat schon einen Zettel für mich vorbereitet, auf dem steht, wo ich jeweils umsteigen muss. Leider alles mit Kanji geschrieben, sodass ich es nicht wirklich lesen kann. Erst hier in Yamanaka in den Bummelzug steigen, dann in Higashi Okazaki umsteigen in einen schnelleren, und dann soll ich in Jingumae den Expresszug zum Flughafen nehmen. Dafür soll ich am Bahnhof ein spezielles Reservierungsticket kaufen, alles klar. Trotzdem klingt es mir ein bisschen umständlich, und ich deute an, ob ich denn nicht auch den direkten Bus zum Flughafen vom Bahnhof Okazaki aus nehmen kann (womit ich implizieren will, dass man mich mitsamt meines Gepäcks vielleicht mit dem Auto dort hinfahren könnte). Nein, das sei viel zu unsicher, beim Bus weiß man nie, ob er Verspätung hat, der Zug ist viel zuverlässiger. Nun gut, dann will ich mich mal wieder den Herausforderungen des Umsteigens stellen.

Nun habe ich endlich kapiert, dass man seine Fahrkarte nach dem Einsteigen im Zug kauft, aber heute fahre ich mitten im Berufsverkehr, und der Zug ist so voll, dass die Schaffner ihn nicht patroullieren können. Auch im nächsten Zug von Higashi Okazaki aus gelingt es mir nicht, eine Fahrkarte zu kaufen. In Jingumae, wo ich in den Expresszug umsteigen soll, schnappe ich mir dann endlich auf dem Bahnsteig einen Schaffner und erkläre ihm, dass ich von Yamanaka gekommen bin und noch eine Fahrkarte zum Flughafen brauche. Er schaut ein bisschen überrascht, ja, ich weiß ja, dass ich die Fahrkarte wohl schon vorher hätte kaufen sollen, aber ich habs halt nicht geschafft.

Ich frage, an welchem Gleis der Zug zum Flughafen abfährt und erlebe wieder etwas Merkwürdiges: Ja, der nächste Zug hier fährt zum Flughafen, aber den dürfe ich nicht nehmen, weil es ein besonders schneller Expresszug sei. Ja, aber das ist doch gerade gut, ich will doch schnell zum Flughafen! Ich müsse hier noch eine Vierteilstunde warten und dann mit dem langsamen Zug zum Flughafen fahren. Ich möchte aber gerne mit dem Expresszug fahren! Nein, das geht nicht, dafür benötigt man eine spezielle Fahrkarte. Grrrrr, ich werde wahnsinnig, was mach ich nur falsch? Ob er mir denn eine solche Fahrkarte jetzt nicht einfach verkaufen kann. Schließlich hat er mir doch gerade schon ein Ticket verkauft, da muss er doch auch diesen Express-Zuschlag oder was immer das ist verkaufen können. Nein, ich müsse auf den nächsten Zug warten, weil ich für diesen keine Fahrkarte habe. Ich verstehe es nicht.

Als der Schaffner weg ist, stehe ich eine Weile ratlos vor dem super schnellen Expresszug, für den man mir partout keine Fahrkarte verkaufen will, und überlege ... in zwei Minuten fährt er ab, was tun? Verstohlen vergewissere ich mich, dass der Schaffner von eben außer Sichtweite ist, und steige ein. Ich sehe überhaupt nicht ein, eine Viertelstunde auf einen langsameren Zug zu warten, wenn ich jetzt in den schnellen steigen kann. Und schließlich bin ich hier der Ausländer. Wenn sie irgendwas zu meckern haben, werde ich mich dumm stellen. Und da der superschnelle Expresszug direkt ohne Halt bis zum Flughafen fährt, können sie mich auch nur schwerlich vorher rauswerfen ;-).

Der Grund für die Unwilligkeit des Schaffners, mir eine passende Fahrkarte zu verkaufen, liegt vermutlich darin, dass in diesem Zug alle Plätze reservierungspflichtig sind. Und vermutlich konnte er einfach so kurzfristig keine Reservierung mehr vornehmen – das nehme ich jetzt jedenfalls einfach mal so an. Es kann ja wohl nicht sein, dass es Züge gibt, die für Ausländer grundsätzlich zu schnell sind. Jedenfalls ist der Zug so gut wie leer, und es ist überhaupt kein Problem, einen freien Sitzplatz zu ergattern.

Der Fahrkartenkontrolleur kommt, ich zeige ihm freudig meine Fahrkarte, und als er nach dem Reservierungsticket fragt, sage ich ihm, dass ich noch keines habe. Kein Problem, für 300 Yen stellt er mir ohne viel Aufhebens eines aus und gut. Schon lustig, wie das Bahnfahren in Japan immer wieder neue Überraschungen für mich bereithält.

Am Flughafen geht alles glatt. Es ist kaum Betrieb, und ohne langes Warten werde ich mein Gepäck los. So bleibt noch Zeit für einen kleinen Rundgang, auf dem ich zunächst noch ein paar schöne Beispiele für die japanischen Englisch-Künste fotografiere Foto dazu Foto dazu Foto dazu. Und endlich noch ein Foto von einer sprechenden Rolltreppe mache Foto dazu, leider keine Audio-Aufzeichnung, die würde eigentlich dazu gehören.

Als ich so durch die Ladenetage schlendere, noch ein paar Souvenirs und einen Doraemon-Comic zum Lesen kaufe, überkommt mich ein ganz wehmütiges Gefühl ... Das war sie also, meine diesjährige Japanreise. Ich vermisse Japan schon jetzt, obwohl ich es noch gar nicht ganz verlassen habe. Andererseits gibt es auch ein paar Dinge, auf die ich mich in Deutschland freue. Ein richtiges knackiges Brötchen zum Frühstück, mit italienischer Mortadella oder Parmaschinken zum Beispiel. Und natürlich ein Hefeweizen.

 

owari – Ende


Vielen Dank für die E-Mails und die Einträge in meinem Gästebuch. Sie haben mich motiviert, tagtäglich weiterzuschreiben, obwohl ich manchmal eigentlich zu schlapp dafür war. Du bist doch nicht etwa ein Schwarzleser? Wenn Du bis hierher gelesen und mir noch nicht geschrieben hast, dann wird es aber höchste Zeit. Das Abenteuer ist zwar vorbei, ich freue mich aber trotzdem, von jedem zu hören, der es gelesen hat. Und wer weiß, vielleicht geht es ja eines Tages weiter.


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