13.4., Gemütliches Einleben

Nach den unruhigen Stunden um den Sonnenaufgang schlafe ich dann doch noch einmal tief ein und wache um 9 Uhr auf. Die japanische Dusche funktioniert, wenn auch der Schlauch nicht lang genug ist, als dass ich ihn mir im Stehen über den Kopf halten könnte. Aber der Japaner duscht ja im Sitzen, dafür gibt es das kleine Höckerchen.

Zum Frühstück toastet mir meine Gastmutter selbst gebackenes Weißbrot mit Rosinen (sehr lecker, Brot backen ist eines ihrer Hobbys) und kredenzt mir eine Art Omelette, dazu schwarzen Tee. Was ich heute für Pläne habe? Nichts Besonderes, ich werde wohl mit dem Fahrrad losziehen und erst einmal schauen, ob ich den Weg zur Schule finde. Denn ihn nur einmal als Beifahrer aus dem Auto gesehen zu haben, erfüllt mich nicht gerade mit Zuversicht. Immerhin ist es trocken heute – hoffentlich habe ich noch recht viele regenfreie Tage, denn ich habe natürlich vergessen, Regenjacke und -hose einzupacken.

Der Vormittag vergeht wie im Fluge mit Tagebuch und Bildbearbeitung (seit ich im Raw-Format knipse, muss ich an jedem Bild irgendwie wenigstens ein bisschen rumfummeln, sonst lohnt es sich ja nicht). Meine Gastgeberin erwartet um 12:30 ihre Englischlehrerin und zwei weitere Freundinnen, die auch Englisch lernen. Sie hat mir das gestern schon erzählt und meinte, ich könne mich anschließend um 14 Uhr noch mit ihr und ihren Freundinnen auf Englisch unterhalten. Das passt mir aber nun gar nicht mehr in den Kram; ich will jetzt los, das schöne Wetter nutzen. Sie versichert mir, dass das kein Problem ist, und obwohl ich nicht ganz sicher bin, breche ich auf.

Erst einmal schieße ich Fotos vom Haus Foto dazu Foto dazu, der Straße vor dem Haus Foto dazu und dem Fahrrad Foto dazu, das ich freundlicherweise benutzen darf. Dann gehts los – diesmal schön auf der linken Straßenseite, die rechte hat ja letztes Jahr kein Glück gebracht. Obwohl ich wieder mal bemerke, dass sich die japanischen Radfahrer einen Dreck darum scheren, die fahren links oder rechts, wie es ihnen gerade passt. Es scheint nicht einmal eine einheitliche oder wenigstens eine vorherrschende Konvention darüber zu geben, wie man einander ausweicht, wenn sich zwei Radfahrer auf einer Seite der Straßenseite oder auf einem Radweg entgegenkommen. Links, rechts, egal ... mir scheint fast, die Regel ist, der Ausländer sieht zu wie er ausweicht. Kann das das Prinzip sein?

Schon nach wenigen hundert Metern gibt es den ersten Anlass zur Pause, den yamanaka hachiman-Schrein, wie immer zu erkennen an dem orangefarbenen Eingangstor Foto dazu. Nach einer schmucken Brücke Foto dazu geht es über eine düstere, steile, von Steinlaternen gesäumte Treppe Foto dazu hinauf zum Hauptgebäude Foto dazu. Im Vergleich zu so manchen von denen, die ich letztes Jahr so gesehen habe, wirkt dieses gut gepflegt und hübsch bunt angemalt Foto dazu Foto dazu.

Jetzt aber zurück aufs Fahrrad. Einen Kilometer weiter kommt die erste Unsicherheit. Ich könnte schwören, mit dem Auto ist meine Gastgeberin hier geradeausgefahren, aber die Strße ist weg. Beziehungsweise knickt sie nach links ab und macht einen langen, immer weiteren Bogen, immer weiter nach links ... das kann nicht sein, und ich kehre um. Der nächste Versuch entpuppt sich nach ein paar hundert Metern als die Einfahrt in ein Firmengelände, das war es auch nicht. Schließlich kapiere ich, dass der Weg tatsächlich durch die scheinbare Vollsperrung führt   da ist eine Baustelle, aber eine Umleitung für Fußgänger und Radfahrer führt drumrum. Etwa zwei Kilometer wieder eine Unsicherheit: Auf dem Hinweg ging es immer geradeaus, aber jetzt gabelt sich die Straße im spitzen Winkel. Etwas links oder etwas rechts, das ist hier die Frage ... ich wähle links und bin mir kilometerlang unsicher, ob das eine gute Wahl war, bis ich endlich ein Gebäude wiedererkenne. Puh, gut, dass ich einen Tag Zeit hatte, um meinen Schulweg zu üben.

Im Aufenthaltsraum der Schule verbringe ich mehr Zeit als erwartet am Internet – es dauert halt, bis die Tagebuch-Templates an ihrem Platz sind, die Bildgalerie angelegt und im richtigen Verzeichnis ist und das Perl-Skript, das mir die Links zusammenbieg ... Computer halt. Nicht, dass ich das schon von zu Hause aus hätte vorbereiten können :-).

Für den Rückweg brauche ich nur noch 40 Minuten und habe keine Navigationsprobleme mehr. Leider geht es überwiegend bergauf; das wird ein sportlicher Urlaub.

Nachdem ich mich in meinem Zimmer ein Weilchen mit den Fotos des Tages beschäftigt habe (wie gefallen Euch die Farben, hab ich zu übertrieben an den Reglern gedreht?), wird mir kalt so ohne Heizung, und ich geselle mich mit meinem Japanischbuch zu meiner Gastgeberin in die Küche. So ein kleines Bisschen Wiederholung kann vielleicht doch nicht schaden, schließlich möchte ich morgen beim Einstufungstest eine gute Figur machen. Will ja keine Klasse wiederholen.

Es ist ganz interessant, ihr beim Kochen zuzuschauen. Sie macht einen ganz schönen Wirbel, hantiert mit vielen Töpfen und Pfannen, um wieder einmal lauter Kleinigkeiten zuzubereiten. Als sie allerdings gyouza mit natto macht, wird mir leicht mulmig. Wer im letzten Jahr mein Tagebuch gelesen hat, erinnert sich vielleicht: Bei natto handelt es sich um vergammelte – Verzeihung, fermentierte Soyabohnen, die klebrige Fäden ziehen und einen fiesen säuerlichen Geschmack haben.

Als das Essen aber auf dem Tisch steht Foto dazu, bin ich positiv überrascht. Sie hat das natto nämlich mit kimuchi gemischt, und in der Kombination finde ich ausgesprochen lecker. Zu trinken gibt es einen selbst gemixtren Fruchtlikör, bestehend wohl aus einer Art japanischer Orangen, mit choushuu aufgesetzt und serviert mit Wasser und Eis verdünnt. Sehr lecker. Mir fällt allerdings auf, dass sich eine Eigentümlichkeit japanischer Gastfreundschaft wiederholt, die ich schon gestern unbewusst wahrgenommen hatte: Ihr Glas ist doppelt so groß wie meins. Ob das etwas zu bedeuten hat? Und sie bietet mir kein weiteres an, als ich ausgetrunken habe, und ich bin zu schüchtern, zu fragen. Man will ja nicht am zweiten Tag gleich einen schlechten Eindruck machen.

Als wir alles aufgegessen haben und ich eigentlich schon satt bin, fängt sie wieder an, in der Küche zu wirbeln. Und zwar eine ganze Weile, nicht nur zwei Minuten. Diesmal gibt es udon, eine japanische Nudelart Foto dazu. Heute habe ich übrigens höflich gefragt, ob ich das Essen fotografieren darf; so richtig sicher bin ich mir nicht, ob das erwünscht ist. Gastgeberin und Tochter (die sich übrigens ähnlich ungezwungen benimmt wie gestern) lichte ich später mal irgendwann ab, denke ich. Ich werde hier jedenfalls hervorragend bekocht; wenn das jeden Tag so weitergeht, werde ich es schwer vermissen, wenn ich wieder nach Hause muss.

 

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©2005 by Harald Bögeholz