26.7., jetzt gehts zur Sache

Nach dem Frühstück versuch ich fieberhaft noch, die Hausaufgaben fertigzukriegen, schaffe es aber nicht ganz. Ich male mir schon im Geiste aus, wie ich mich auf Japanisch dafür entschuldige und erkläre, dass ich am Wochenende unglaublich viel studiert habe, nur eben nicht das, was ich hätte sollen. Eigentlich find ich es eine ganz gute Leistung, dass ich mir in anderthalb Tagen alle Katakana draufgeschafft habe, und auch Hiragana kann ich jetzt schon viel fließender schreiben.

Während ein paar andere Studenten ihr Gepäck nach unten schleppen, werde auch ich vom Portier mit chekkuauto und ganz vielen anderen japanischen Wörtern begrüßt, flüchte aber in Richtung Studentenbüro. Es ist 8:15, und Iijima san ist noch nicht da (offiziell öffnet das Büro auch erst um 8:30). Als sie fünf Minuten später kommt, erkläre ich ihr, dass ich im Hotel bleiben möchte. Sie spricht zum Glück recht gut (und freiwillig) Englisch; dies jetzt auf Japanisch durchzuziehen, hätte ich echt keinen Nerv (und vermutlich zu wenig Sprachkenntnisse). Sie fragt mich, wie lange denn, und als ich antworte, für die ganze Zeit, bis Ende August halt, unterhält sie sich hektisch auf Japanisch mit ihrem Chef, um mir dann zu sagen, dass das Hotel aber teuer ist. Ich antworte, dass ich durchaus bereit wäre, dafür zu bezahlen, wie teuer denn genau? Nach wieder einer Minute Palaver mit ihrem Chef (ich hab das irgendwo gelesen, dass Japaner, wenn möglich, nie etwas alleine entscheiden; scheint zu stimmen) sagt sie mir, dass das Hotel 5250 Yen am Tag kostet. Auf Englisch kann ich mich ja ganz gut ausdrücken, deshalb sage ich zu ihr, dass ja wohl ein Discount drin sein müsste, wenn einer sechs Wochen lang in einem Hotel bleiben will.

aah, disukaunto wa ... brabbeldijapnischbrabbelimasen deshita kudasai wasweißich ... das muss sie erstmal mit jemandem im Hotel besprechen, ich soll doch solange warten. Nach 10 Minuten kommt sie zurück, und der Preis ist auf 4000 Yen pro Nacht gesunken. Wer sagts denn, disukaunto ist das Zauberwort. Ich überschlage im Kopf, dass das zwar immer noch etwas mehr ist, als ich im Voraus für die Unterbringung in der Gastfamilie bezahlt habe, aber nicht so astronomisch viel mehr. [Am Nachmittag hab ichs nachgerechnet und kam auf 430 Euro mehr ... da sah das dann doch etwas anders aus.] Aber sie zieht gleich das nächste Problem aus dem Hut: Am Obon-Wochenende (hab grad nicht im Kopf, wann das ist, jedenfalls ein langes Wochenende im August) macht das Hotel zu, und da müsste ich dann ausziehen. Ich frage ratlos, wohin denn, und sie stimmt mir zu, dass das ein schwieriges Problem ist. Und außerdem gäbe es noch drei Tage, an denen das Hotel ausgebucht sei und ich ausziehen müsse. Hmm. Wir einigen uns darauf, dass ich jetzt erstmal zur Schule gehe - mittlerweile ist es Viertel vor 9 und ich werde unruhig, zumal man uns eingeschärft hat, dass die Klasse minutengenau beginnt - und für heute im Hotel bleibe.

In der Retrospektive (ich schreibe dies abends gegen 21 Uhr) scheint mir dies die japanische Art, Nein zu sagen, gewesen zu sein, von der ich in Büchern schon gelesen hatte. Obon mag ja noch sein, aber dieses komische Hotelchen noch an drei anderen Tagen ausgebucht? Unwahrscheinlich; ich habe irgendwo aufgeschnappt, dass es irgendwie Yamasa gehört oder zumindest auf einem Grundstück steht, das Yamasa gehört. Egal; die Japaner beherrschen die hohe Kunst, ein paar Probleme aus dem Hut zu ziehen, damit es so läuft, wie sie es wollen. Aber sie sind harmoniebedürftig. Auch das habe ich aus meinem Buch, und irgendwie scheint es zur aktuellen Situation zu passen. Man sagt nie einfach nein, sondern, dass die Umstände sich irgendwie zum Schlechten gewandelt haben, aber (tsugooga waruku narimashita ga) ... Sie kommen mir also schon ein bisschen entgegen. Ich darf einen weitern Tag im Hotel bleiben. Und ich kriege eine alternative Unterkunft angeboten (schließlich war ich mit der geplanten nicht zufrieden) - ein Apartment mit eigenem Bad, das ich allerdings mit einem Mitbewohner teilen müsste, aber wir hätten jeder ein eigenes Zimmer. (Dieser Teil der Geschichte spielt jetzt am Nachmittag.) Ich scanne im Geiste die Liste der Yamasa-Unterkünfte durch und frage, ob nicht das Student Village, in das sie mich ursprünglich stecken wollte, das hochmoderne mit Internet-Anschluss auf jedem Zimmer und Residence L nicht das ältere Ding ist, das zudem weiter weg ist. Genau so ist es. Da es mir primär darum geht, möglichst wenig zu Fuß durch diese scheiß Hitze zu marschieren und mir außerdem ein Netzwerkanschluss auf dem Zimmer extrem attraktiv erscheint, entschuldige ich mich vielmals für die Umstände, die ich ihr gemacht habe, lobe sie für ihre Umsicht und wähle das, was sie ursprünglich für mich geplant hatte: Studentenwohnheim. Nun bin ich nur noch gespannt, ob man mir die Extratour eines zusätzlichen Tages im Hotel in Rechnung stellt, aber nach meiner bisherigen Einschätzung der japanischen Mentalität denke ich fast, dass nicht. Ebenso wie ich nach wie vor denke, dass das mit der Gastfamilie nicht mehr klappen wird. Und morgen ziehe ich jedenfalls um.

Zurück zum Vormittag: Der Unterricht ist der intensivste, den ich je erlebt habe. Ich schwanke zwischen Glücksgefühlen und Frust: Die Lehrer sind extrem gut (finde ich), und das Ganze macht im Prinzip einen Heidenspaß, aber ich lerne so viel langsamer als ich gerne würde und kann mir die ganzen Vokabeln bei weitem nicht schnell genug merken. Immer wenn ich etwas nicht weiß, ist es mir irgendwie peinlich, die Klasse jetzt damit aufzuhalten, nach einem einzelnen Wort zu fragen, das der Lehrer dann notfalls minutenlang - weil nur mit Japanisch, Händen und Füßen - erklärt. Andererseits merke ich, dass auch die anderen immer mal was nicht wissen, und wir können uns teilweise sogar gegenseitig helfen. Da haben die Yamasa-Leute wirklich eine super Klasse zusammengewürfelt!

Wie kann ich mich nur kurz fassen? Der Kern des Unterrichts besteht jedenfalls darin, dass der Lehrer (ach ja, heute Vormittag wars eine Lehrerin; jede Klasse wird im Wechsel von einem Team von Lehrern unterrichtet!) die Leute ständig auf verschiedenste Weise animiert, Japanisch zu sprechen. Ein Beispiel: Die Lehrerin geht raus, um etwas zu holen, das sie angeblich vergessen hat. Einige Minuten später schaut sie zur Tür, bis irgendwer auf die Idee kommt, das Thema Tür zur Sprache zu bringen und jemand anderes die Tür zumacht. Oder sie fragt jemanden die Standardfragen, wo er denn herkommt, und als der Schwede (den hat sie sich absichtlich rausgesucht!) einen sehr unverständlichen Ortsnamen nennt, bittet sie ihn, ihn an die Tafel zu schreiben. Sie hat aber unauffällig alle Stifte an sich genommen, sodass er sie jetzt auf Japanisch fragen muss, ob sie ihm einen Stift borgen kann. Ich bin begeistert! Diese Schule ist echt ihr Geld wert, denn das geht den ganzen Tag so. Ich glaube, ich schrieb es schon, aber noch nie habe ich so guten Sprachunterricht bekommen.

Und sie integriert ganz mühelos die Wünsche der Schüler in ihren Unterricht. Als wir die te-Form üben, um andere Leute um etwas zu bitten, bitte ich sie, doch mit meiner bereitligenden Kamera Fotos von der Klasse zu machen, was zwar von ihrem Manuskript abweicht, aber perfekt passt Foto dazu Foto dazu. Später haben wir irgendwie die Vokabeln für einschalten und ausschalten, und wieder liegt die Kamera da rum, die man erst einschalten muss, bevor man ein Bild machen kann. So können wir "zuerst ... und dann" üben. Sie murmelt sore wa benri desu ne - das ist ja praktisch. Außerdm machen wir nebenbei ein paar Fotos, und das Ganze macht einen Heidenspaß, ist aber auch sehr anstrengend.

In der Mittagspause esse ich ramen, lecker Nudelsuppe mit allerlei Zeugs drin Foto dazu. Und mache noch ein Foto von einem Aspekt des Supermarkts, der erst jetzt an die Oberfläche meines Bewusstseins gelangt: Bei uns muss man doch immer durch irgendeine Absperrung durch, und der Weg nach draußen führt unweigerlich an den Kassen vorbei. Hier stehen die Kassen auch irgendwo, aber es ist alles offen. In Japan gehört sich Ladendiebstahl wohl nicht.

Und noch etwas: An den Japanern scheint die Erfindung der (Papier-)Serviette vorbeigegangen zu sein. Weder im Hotel beim Frühstück, noch hier in diesem "Schnellrestaurant" im Supermarkt gibt es Servietten. ramen muss man schlürfen, sonst wären die Nudeln erstens viel zu heiß und zweitens mit Stäbchen unmöglich zu essen. Wie man das aber macht, ohne die geringste Sauerei zu hinterlassen, ist mir ein Rätsel. Michael sempai Foto dazu erklärt mir, dass die Japaner einfach immer ihr eigenes Handtuch dabeihaben. Das ist ja wie bei per Anhalter durch die Galaxis, stimmt aber. Ich habe in den letzten Tagen bei vielen Japanern gesehen, dass sie ein Handtuch um den Hals oder sonstwie bei sich haben, mit dem sie sich zum Beispiel in dieser scheiß Hitze (ich wiederhole mich) den Schweiß abtupfen.

Nachmittags gibts Hörübungen: Yokozawa sensei spielt von CD einige Dialoge in japanischem Alltags-Normaltempo vor - puh, das ist plötzlich genauso schwierig wie im Kaufhaus, im Go-Salon, am Bahnhof ... Und die Taxifahrer-Lektion bringt alle ins Schleudern (bin ich froh, ich bin nicht die einzige Niete hier). Wir üben mit Spielzeugautos Foto dazu, wie man dem Taxifahrer sagt, wo er langfahren soll, und alle, wirklich alle geraten in Panik, wenn ihnen der Unterschied zwischen Rechts und Links oder die te-Form von Abbiegen erst nach der Kreuzung einfällt, an der sie hätten abbiegen wollen.

Völlig erledigt von fünf Stunden Unterricht beschließe ich, zur Entspannung mal das große Einkaufszentrum zu besuchen. Das hätt ich besser gelassen, denn mit Entspannung hat das nichts zu tun. Das Ding ist unglaublich groß Foto dazu, und ich leide wieder mal an totaler Reizüberflutung. Weiß nicht einmal, was ich fotografieren soll. Es gelingt mir jedenfalls, mich in einem Musikgeschäft auf Japanisch nach Satie-Noten zu erkundigen - jetzt hab ich endlich ein paar Noten zum Klavierspielen, die Stücke jenseits von Gymnopedie Nr. 1 sehen auch so aus, als könnt ich sie spielen - und in der Spielwarenabteilung eines unglaublich großen Kaufhauses nach Go zu fragen und ein kleines Magnet-Go zu erstehen, damit ich mit Adele komfortabler üben kann als am Rechner. Und sowas kann man ja eh immer mal brauchen.

Ach ja, vor der Kaufhaus-Aktion war ich noch in einer Art Media-Markt und habe mit mir gehadert, ob ich mir als Souvenir eine japanische Tastatur kaufe Foto dazu. Soll ich?

Zurück im Hotelzimmer versuche ich lustlos, die Hausaufgaben zu machen Foto dazu, fühle mich aber total ausgepowert. Eine von drei Seiten schaff ich, dann fang ich an, Fotos zu sichten und Tagebuch zu schreiben. Also wieder morgen früh vor der Schule die Hausaufgaben machen, wie in alten Zeiten ...

 

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©2004 by Harald Bögeholz